Tag 18

18.Tag- 08.06.2004

    • Ich habe das Gefühl, als würde ich in einer zähen Masse von Traurigkeit schwimmen. Ohne Ziel und Halt. Auch Lothar kann das schwer nachempfinden und um ihn nicht zusätzlich zu ängstigen, muss ich mich immer verstellen, wenn er oder andere da sind. Ich glaube zwar nicht, dass ich schwachsinnig werde, aber mein Geist ist wie verklebt und findet sich aus dem Dilemma nicht heraus. Lothar meinte heute, ich solle nicht ins Wohnzimmer gehen, aber ich weiß nicht, warum. Hier bin ich ungestört und kann schreiben. Das Bild von Silvia und Thomas habe ich wieder an die Wand gehängt…
    • Nach den gestrigen Auskünften der Ärzte wird Silvia leben, es ist nur nicht klar, wie und in welcher Qualität. Alles ist offen, alles ist möglich. Und ich bin so unendlich hoffnungslos, habe keine Ahnung, woher ich die Kraft für die nächsten Monate nehmen soll.
    • Die OP gestern ist gut verlaufen, allerdings muss heute noch der –kleine- Luftröhrenschnitt gemacht werden, der auch wieder mit Risiken verbunden ist.
    • Danach wird Silvia bereits auf ihre Verlegung in die Bavaria-Klinik Kreischa vorbereitet, die Ende dieser oder Anfang nächster Woche erfolgen soll.
    • Ich wäre gestern am Bett wieder am liebsten davongelaufen. Silvia hatte wieder das linke Auge offen und wir hatten auch das Gefühl, dass sie reagiert, die Pupille bewegte sich leicht hin und her.
    • Eine neue, junge Ärztin hat uns erklärt, dass Silvia so schnell wie möglich zur reha muss, um ihre Funktionsfähigkeit zu testen. Sie vermutet, dass die rechte Körperhälfte zurückbleiben wird, in welcher Form auch immer. Außerdem vermutet sie weiter, das der rechte Augapfel sich nicht ohne weiteres, wenn überhaupt, wieder bewegen lässt, von der Sehkraft ganz zu schweigen.
    • Wir werden beide als Betreuer für Silvia vom Gericht eingesetzt, zumindest so lange, bis Silvia wieder selber entscheiden kann.??
    • Zuletzt hat sie uns noch gefragt, ob wir noch mehr Kinder haben?!? Das hat mir den Rest gegeben.
    • Ich habe keine Vorstellung davon, wie es weitergehen soll. Beruflich befindet sich mein Arbeitsplatz gerade in der Auflösung bzw. Neustrukturierung. Ich soll wahrscheinlich die Filialleitung insgesamt – Aktiv und Passiv- übernehmen und keine direkte Kundenzuordnung mehr. Das hat Lothar von meiner Kollegin erfahren.
    • Ist meine ständige Anwesenheit in Kreischa erforderlich, wird die Entscheidung mir überlassen oder könnte dies Silvias Genesung fördern oder schaden?
    • Wenn ich große Gefahr ahne, hat sich im entscheidenden Moment immer mein Instinkt gemeldet, diesmal ist es aber – noch- nicht so. was soll ich also tun?
    • Ich dachte immer, dass ich für eine intensive Betreuung anderer nicht geeignet bin, mir fehlen Geduld und Ausdauer. Außerdem entsetzt mich Silvias derzeitiger Zustand zutiefst, ich weiß nicht, ob ich das vor ihr verbergen kann.
    • Lothar geht da viel unbefangener ran, er freut sich einfach über die winzigen Fortschritte von ihr – so empfinde ich es wenigstens.
    • Soll er mit nach Kreischa gehen und ich gehe wieder arbeiten? Bin ich eine richtige Mutter, weil ich vor Angst und Entsetzen wie gelähmt bin und nicht handeln kann, so, wie es die Umwelt vielleicht erwartet?
    • Ich werde nun heute endlich mal versuchen, etwas Schreibtischarbeit zu erledigen und dann das Vorhaus unten sauber zu machen.
    • Ob ich heute Nachmittag mit in die Klinik gehe?

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