Tag 32

32.Tag – 22.06.2004

    • Trostlos und traurig, so kann ich heute leider nur meine Stimmung beschreiben. Es kriecht mich förmlich an und dann ist alles von diesem entsetzlichen Zustand überschattet. Immer wieder die gleiche Frage im Kreis- Was soll nur werden, wie soll es weiter gehen. Das schlimme ist, ich weiß es wirklich nicht.
    • Es ging gestern schon wieder im Krankenhaus los. Silvia hatte keinen so klaren Blick wie am Sonntag. Sie schaut irgendwie immer an uns vorbei, man hat zwar das Gefühl, dass sie uns wahrnimmt, aber nicht eben wirklich.
    • Meine Hand hat sie zwar anfangs gleich zu ihrem Mund genommen und so eine Art Kuss darauf gegeben, aber im späteren Verlauf hat sich das als Reflex heraus gestellt. Sie hatte dann Lothars Hand und hat auf seinen Finger gebissen und an diesem auch so wie gesaugt.
    • Ansonsten saß sie wieder im Stuhl und war äußerst unruhig, sehr motorisch aber überaktiv. Sie war gestern auch an den Waden fixiert, die Pfleger haben Angst, dass sie aus dem Stuhl fällt.
    • Das Gesicht war fast vollständig abgeschwollen. Sie setzt ihre Hände sehr viel ein, vor allem, um im Gesicht einiges zu erforschen. Sie langt viel an ihr rechtes Auge, was ja fest zu ist und an die Nase.
    • Dann streicht sie über den gesamten Kopf und stützt das Gesicht auf eine Hand, diese Geste hat etwas sehr verzweifeltes.
    • Ab und zu schüttelt sie verneinend mit dem Kopf.
    • Der Kopf selber bewegt sich ständig hin und her, rauf und runter.
    • Sie hat einen starken Linksdrang, ihr Körper rutscht oder wird von ihr sehr oft auf die linke Seite geschoben, so dass sie mit dieser Seite über den Stuhl hinaus hängt.
    • Sie fasst ständig und sehr kraftvoll die Bettdecke an und zieht daran mit Leibeskräften. Manchmal erwischt sie auch einen Daumen von uns und versucht, diesen von der übrigen Hand abzuziehen.
    • Wenn es nicht so traurig wäre, könnte man drüber lachen. Vielleicht sollten wir das auch ab und zu mal tun.
    • Gestern hatten auch die Pfleger die Idee, ihr mal ein paar Löffel Joghurt zu geben. Ich bin vor Schreck gleich wieder hochgesprungen. Nach meiner Ansicht ging das nicht, weil sie ja noch die Kanüle in der Luftröhre hat.
    • Aber weit gefehlt, es geht. Der Pfleger hat ihr einen Löffel mit Joghurt an den Mund gehalten und sie hat ihn genommen und geschluckt. Das so 3-4 mal.
    • Danach hat sie eben Lothars Finger in den Mund genommen und kräftig daran gezogen. Das hat uns auf die Idee gebracht, dass sie eventuell Durst hat bzw. gern Flüssigkeit im Mund.
    • Die Schwester hat dann Tee in einer Schnabeltasse gebracht und ihr an den Mund gehalten. Das klappte nicht so gut, es ist auch extrem unhandlich.
    • Dann haben wir den Schnabeldeckel abgemacht und ihr den Becher selber in die Hand gegeben.
    • Sie hat ihn genommen- zwar noch etwas unsicher – und selber getrunken.
    • Sicher ein großer Erfolg und wieder etwas neues. Geht es so weiter, sind das die Grundvoraussetzungen, dass der Intellekt wiederkommt. Oder sind das nur Körperfunktionen auf kleinstem Niveau.
    • Ich weiß es einfach nicht.
    • Die Klinik hat uns bestätigt, dass sie nach P. kommt, am 29.06.2004. Die DAK hatte ja gestern Nachmittag noch angerufen und die Änderung nach P. bestätigt.
    • Mit so einer schnellen Entscheidung habe ich zwar nicht gerechnet, vor allem, da ich mir ja noch gar nicht richtig sicher war, aber nun soll es so sein.
    • Silvia bekommt übrigens 6 Wochen Lohnfortzahlung und danach 18 Monate Krankengeld. Die Höhe wird gerade ermittelt und uns noch mitgeteilt.
    • Die Zuzahlung erfolgt für 28 Tage in diesem Jahr , die sind ja schon weg- also 280 Euro- damit muss für dieses jahr auch in P. keine Zuzahlung erfolgen.
    • Das ist für uns eine große Erleichterung , damit könne sich Silvias Finanzen baw. allein tragen und sie kann noch einige Zeit ihre Miete aus eigener Kraft zahlen.
    • Das ist auf alle Fälle in Silvias Sinne, da sie sehr gern ihre Dinge allein regeln möchte und nicht auf andere angewiesen sein will.
    • Nach der Klinik waren wir dann in P.. Die Klinik liegt im Schlossgelände mit großem Park und Schlossteich.
    • Der Gebäudekomplex ist überschaubar und gemütlich. Wir sind mal so durchgegangen, es war ca. 19,30 Uhr. Menschen, ausser an der Rezeption, haben wir aber nur in der Schwimmhalle gesehen.
    • P. ist eine Klinik, die sich nur mit neurologischer Reha befasst, wir hoffen, dass das auf Silvia positiv wirkt und dort wirklich Spezialkräfte sind.
    • Die Bearbeiterin der DAK hat zu mir gesagt, dass P. die höhere Wertigkeit hat??
    • Direkt neben der Klinik ist eine Restaurant mit Pension. Dort haben wir zunächst vorsorglich für die letzten 2 Wochen im Juli ein Zimmer für uns bestellt.
    • Leider wissen wir auch nicht, ob der Zeitpunkt gut ist, aber es ist ein Versuch, soviel Zeit wie möglich mit Silvia zu verbringen. Sie ist dann knapp 3 Wochen dort und hat sich evtl. an die neue Umgebung gewöhnt.
    • Bis dahin wollen wir bzw. ich weiterhin täglich auch nach P. fahren, eigentlich so lange, bis wir einen Kontakt bzw. eine erste Kommunikation hergestellt haben.
    • Bis dahin ist es ja leider nicht möglich, Silvia irgend etwas zu erklären oder für ihre Fragen da zu sein.
    • Außerdem wollten wir schon immer mal Urlaub in P. machen! Ha, Ha.
    • Heute früh in meiner hoffnungslosen Stimmung habe ich erst wegen Silvias und meinem Arbeitsplatz angerufen. Hätte ich mir eigentlich sparen können. Nun, ich werde zumindest mal in meinen Arbeitsvertrag schauen, bevor ich Donnerstag in die Sparkasse fahre.
    • Ach, Frau R. hatte mich morgens gleich angerufen und sich erkundigt, fand ich sehr wohltuend.
    • Ja, die Anrufe werden nun wieder weniger, jeder hat seine eigenen Probleme.
    • Dann noch mal der Anruf in P., kurz und bündig nur mitgeteilt, dass Silvia am 29.06. kommt, was aber dort auch schon bekannt war.
    • Wir werden uns erst am 29.06. wieder melden, wenn sie dort ist.
    • Der Anruf bei Herrn K. von FP hat mich überrascht. Er hat mir versichert, dass Silvia nicht entlassen wird und der Betrieb sich geduldet. Nur, wenn der Genesungsprozess länger als 18 Monate dauert, muss er sich anderweitig kümmern!!
    • Mit so einer Aussage hatte ich nie gerechnet und auch ich musste weinen. Kann Lothar hier voll verstehen, wenn er bei den Telefonaten mit Herrn K. immer mit den Tränen kämpft.
    • Hab dann noch Sigrid angerufen, musste noch bissel jammern. Hat sie auch gut weggesteckt, aber interessanter werde ich dadurch als Gesprächspartner sicher nicht.
    • Aber das ist sicher das nächste Problem und heute nicht dran.
    • Jetzt ist es 21.03 Uhr und wir sind aus der Klinik zurück.
    • Nachmittags ist dann Elisabeth gekommen und wir haben bissel erzählt.
    • Heute Vormittag habe ich dann noch Trost beim Kressner gesucht und teilweise auch gefunden. Habe mir noch eine modische Hose und 4!! Oberteile gekauft, insgesamt für 120 Euro. Sigrid würde wieder meckern und sagen, ich kann es mir ja leisten.
    • Stimmt ja auch, aber heute war es extrem wichtig, außerdem hält sich meine Einkaufswut wirklich in Grenzen.
    • Bei Silvia war es heute wieder sehr aufregend und wahnsinnig anstrengend. Die Pfleger hatten wieder eine Idee und brachten Silvia im Gang bis an die Besucherschleuse gefahren.
    • Das bedeutet, sie ist von jeglichen Maschinen und Infusionen weg gewesen.
    • Sie war wieder sehr, sehr nervös und überaktiv. Sie bewegt ständig ihren Oberkörper hin und her, vor und zurück. Da kann einem schon Angst werden.
    • Sie hat Schnupfen und der Rotz läuft ihr aus der Nase. Sie versucht, teilweise auch erfolgreich, diesen mit dem rechten Handrücken unter der Nase weg zuwischen. Allerdings ist die Trefferquote max. 50%, sie bekommt einfach auf Anhieb die Hand nicht unter die Nase.
    • Neu war heute auch, dass sie beim angestrengten Nachdenken ihr linkes Auge zusammengezogen hat, eine typische Silvia- Geste.
    • Dann hat sie mit dem Mund eindeutig Worte formuliert, wir haben beide voneinander unabhängig das Wort „Mensch“ verstanden.
    • Unsere Auslegung – Mensch, was ist bloß los, oder, holt mich hier raus, oder, Mensch, das kann doch nicht sein!
    • Die nächsten Worte haben wir nicht mehr deuten können.
    • Der Arzt, der dann kam, und, so wie Lothar meinte, Lob abholen wollte, den haben wir gebeten, möglichst bald Silvia die Luftröhrenkanüle abzunehmen und zu ermöglichen, dass sie sprechen kann.
    • So krass wie Lothar habe ich dass gar nicht gesehen, aber wir hoffen, dass sie auch diesen Wunsch von uns gründlich überdenken und für Silvia das Beste tun!!
    • Wir lassen uns zu morgen überraschen, Hauptsache, sie ist nicht erkältet und erleidet keinen Rückschlag.
    • Habe dann Ulla angerufen und gebeten, sich mit Pit wegen eines Bildes für die Klinik in Verbindung zu setzen. Unsere Idee ist, der Intensivstation ein Originalbild von Pit zu schenken, aber erst, wenn Silvia schon in P. ist.
    • Wir werden die nächsten Tage mal hingehen und uns eins raussuchen. Das wird nicht einfach.
    • Auf dem Rückweg durch die Stadt, die total verstopft war, haben wir dann die aufgesetzte Kuppel auf der Frauenkirche gesehen. Ein sicher sehr bewegendes Ereignis, was auch viele Leute live bzw am Fernseher miterlebt haben.
    • Ob es allerdings bewegender war wie unser heutiger Besuch bei Silvia, kann ich nicht bewerten.
    • Wann kann man endlich mal wieder über andere, auch belanglose Dinge plaudern. Am Do will Lothar zum Oldtimerclub gehen, ich werde evtl. morgen mal Moni XY anrufen und hingehen.
    • O.k. ich habe jetzt keine Lust mehr zum Schreiben, es dreht sich eh immer alles um die eine Sache. Gute Nacht.

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