Tag 34

34. Tag – 24.06.2004

    • Deutschland ist aus der Vorrunde der Fußball-EM ausgeschieden und ich habe meine Tochter verloren. So jedenfalls ist mir zu mute.
    • Tiefste Nacht, würde ein Dichter jetzt sagen, aber genau so empfinde ich es auch. Heute glaube ich auch, dass ich meine Silvia nie mehr so zurückbekomme, wie sie mal war. Ich finde einfach keinen Trost und weiß absolut nicht weiter.
    • Nach außen erscheine ich sicher normal, jetzt gerade sitze ich mit Lothar auf der Terrasse und esse belegtes Brot und trinke Bier. Warum eigentlich noch, reflektive, lebenserhaltende Maßnahmen??
    • Unsere alte Silvia gibt es nicht mehr, die neue Silvia ist sehr kompliziert und für uns – noch- nicht zugänglich. Sollen wir dankbar sein, dass sie noch lebt, was wird das für ein Leben sein?
    • Ich bin kein Patriot, habe mich aber trotzdem bereit erklärt, ständig ins Krankenhaus zu fahren und für Silvia Pflegearbeiten zu verrichten- obwohl dass noch nie meine Stärke war.
    • Habe auch heute ziemlich versagt, als wir Silvia füttern sollten. Ich will es einfach nicht wahr haben, dass meine süße, intelligente Maus nur noch ein Schatten ist und nicht mal mehr selbständig essen und trinken kann.
    • Mit dieser Einstellung werde ich es nie schaffen, die kommenden Monate einigermaßen zu überstehen. Warum gerade Silvia, es hätte doch auch jeden anderen treffen können.
    • Ich suche verzweifelt nach einem Halt, nach einem Trost. Unser ganzes Leben wird sich ändern bzw. hat sich schon verändert.
    • Wir sind glücklich, wenn unsere Tochter den Mund alleine öffnet, damit wir ihr einen Löffel Pudding hinein schieben können oder als Höhepunkt, dass sie ihren Becher alleine hält und daraus auch noch trinkt und schluckt.
    • Der Arzt hat uns heute noch mal bestätigt, dass Silvia sehr schwere Hirnverletzungen hat und es sehr, sehr lange dauern wird, bis überhaupt klar ist, welche Schäden bleiben.
    • Mit welcher Perspektive soll ich dann noch in die Zukunft sehen.
    • Soll ich mir einreden, dass andere auch Probleme haben, oder, dass unser Schicksal eben unabänderlich ist.
    • Was bringt mir das ein?
    • Die Liebe zu meiner Tochter muss ich doch sicher nicht auf diese grausame Art unter Beweis stellen, oder doch?
    • Würde ich am liebsten weglaufen und vergessen?
    • Ich bin eben ein Theoretiker, heute beim Füttern war Lothar ganz eindeutig der Bessere. Mir liefen ständig die Tränen, wie soll ich da morgen für Silvia eine Hilfe sein?
    • Ich werde natürlich hingehen, also 11,30 Uhr stehe ich in der Station bzw. am Bett von Silvia und hole mir meine Anweisungen von der dienst habenden Schwester ab.
    • Waschen, eincremen, füttern, und bitte nicht verzweifeln.
    • Es sind auch schon Wunder passiert.
    • Ich versuche jetzt, mit Lothar noch zu reden, die Fakten kann ich auch morgen aufschreiben, die ändern sich ja doch nicht.

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