Zu Hause

Silvias Zimmer im Dezember 2004

Silvia ist seit 965 Tagen zu Hause und für jeden Tag gibt es Aufzeichnungen

Silvia ist jetzt seit 2587 Tagen zu Hause und es gibt immer noch Aufzeichnungen von jedem Tag.

- Tagesprotokolle der Betreuer seit Mitte 2005

- meine Tagebuchaufzeichnungen

- zahllose Viedoeaufnahmen und Fotos

Silvia bewohnt in unserem Haus im Erdgeschoß ihr altes Kinderzimmer, dazu haben wir ebenfalls im Erdgeschoß für Silvia und die Betreuerinnen eine kleine Küche eingerichtet.

Silvia bewohnt inzwischen ihre eigene Wohnung im Erdgeschoss unseres Hauses. Die Wohnung besteht aus einem Korridor, einer Küche, Bad, Schlaf – und Wohnzimmer. Außerdem verfügt die Wohnung über einen eigenen separaten Eingang, der den Assistenten einen großen Spielraum und uns etwas mehr Privatsphäre ermöglicht.

Das Morgenritual – Toilettengang, Baden, Anziehen- findet innerhalb unserer Wohnung in Bad und Küche statt. Die einzelnen Handlungen des Morgenrituals sind von unserem Neuropsychologen entworfen und festgeschrieben worden, an diesen Ablauf halten wir uns alle ziemlich strikt.

Frühstück und die weiteren Mahlzeiten finden im Prinzip in Silvias Küche statt, die Morgenbeschäftigung und weitere Tagesabläufe in ihrem Zimmer bzw. bei schönem Wetter in unserem Garten.

Die Betreuer nehmen Silvia auch mit zu sich nach Hause bzw. bleiben nach Therapien, die meistens in Dresden stattfinden, in der Stadt.Wir haben uns im Laufe der Zeit auf einen monatlichen Dienstplan eingestellt, machen regelmäßig Dienstberatungen und haben viele Ideen entwickelt, wie so ein Tag mit Silvia gestaltet werden kann. Trotzdem bin ich erstaunt, wie wenig professionelle Hilfe uns hier angeboten werden kann. Ich habe schon über das Internet verschiedenste Einrichtungen und Vereine angeschrieben und um Hinweise, Erfahrungen und Tipps zur Gestaltung einer effektiven Tagesstruktur gebeten. Leider immer ohne Erfolg. Entweder erwarten wir hier zuviel, oder ich habe einfach die richtigen Partner noch nicht gefunden.Zum System der Betreuung und auch deren Finanzierung durch das trägerübergreifende persönliche Budget gehe ich auf der entsprechenden Seite näher ein.

Ein ganz normaler Tag

Es ist Montag und wir frühstücken auf der Terrasse. Um acht kommt Silvias Betreuerin, heute ist es Jana. An der Haustür steckt von außen der Schlüssel und Silvias Küchenschlüssel.

So können die Betreuer ins Haus und in die Küche, unser großes Bad im Erdgeschoß liegt dazwischen. Anfangs ist es schon mal passiert, das Lothar oder ich erst halb fertig angezogen waren und plötzlich stehen die jungen Mädchen da. – für Lothar ja unter Umständen ganz nett…

Silvia wird geweckt- nur noch an der Zimmertür gerufen – und sie steht alleine auf – Fortschritt-

Silvia geht die Treppe hoch und meistens allein zur Toilette, macht ihre Nachtwindel ab, gibt sie zur Tür raus und macht die Tür zu – Fortschritt-

Sie kommt meistens alleine von der Toilette, wir rufen, sie kommt alleine in die angrenzende Küche und geht fast ohne Richtungsunterstützung zum Bad- Fortschritt-

Silvia zieht alleine ihre Nachtwäsche aus, gibt uns die Sachen aus dem Bad raus, dreht das Wasser auf (wir stöpseln vorher die Wanne zu) und steigt in die Wanne. – Fortschritt-

Waschen und Zähne putzen geht nur mit Unterstützung, dann liegt Silvia noch ne Weile in der Wanne. Wir stellen die Zeitschaltuhr auf ca. 5 min., wenn es klingelt, kommt Silvia im Prinzip alleine aus der Wanne, nimmt sich das Handtuch und trocknet sich ab. -Fortschritt-

Das Anziehen hat sich zwar auch verbessert, aber geht nie ohne Hilfe. Wir legen alle Sachen in einer festen Reihenfolge auf einen Stuhl, daneben steht ein zweiter Stuhl, auf welchem Silvia sitzt. An guten Tagen nimmt sie die Sachen selber weg und erkennt die meisten auch. Trotzdem passiert es immer wieder, dass das T-Shirt über die Beine gezogen wird. -Stagnation?-

Haare kämmen und fönen kann Silvia nicht alleine, manchmal macht sie die Haare dann selber zusammen , aber sehr selten. – Stagnation?-Damit ist das Morgenritual beendet und Silvia geht mit der Betreuerin runter in die Küche zum Frühstück. Dazu gab es im vergangenen Jahr auch ein festes Ritual, was sich aber aus unserer Sicht nicht bewährt hat und wir haben dies wieder aufgegeben.-Rückschritt?-Die Morgenbeschäftigungen sind vielfältig (Steckspiele, Arbeit mit dem Ball, Gegenstände benennen, Musik und Singen, Spazieren). An mehreren Vormittagen sind Therapien angesetzt, so dass Silvia dazu außer Haus geht.- siehe auch der Punkt Therapien-

Tagsüber ist Silvia mittlerweile kontinent, wird regelmäßig zur Toilette gebracht und manchmal kann Silvia auch ihr Bedürfnis selber zum Ausdruck bringen – großer Fortschritt-

Essen und Trinken klappt gut, wir können sogar mir ihr in eine Gaststätte gehen, das Essen mit Messer und Gabel sieht fast wieder gesellschaftsfähig aus- angenehmer Fortschritt-

Die Betreuerin verbringt faktisch den ganzen Tag mit Silvia, probiert viele Dinge aus, beobachtet genau und bezieht Silvia in vieles einfach mit ein. Anne (eine ehemalige Betreuerin) hat mal gesagt, sie lebt den Tag mit Silvia. Sehr treffend gesagt.

Das Abendritual ist nicht so aufwendig, zumal Silvia auch teilweise sehr erschöpft ist und dann sehr ungehalten auf Anforderungen reagiert.Silvia geht in ihr Zimmer (richtungsweisende Berührungen sind meistens erforderlich, sonst geht sie wo anders hin) und zieht sich alleine komplett aus. Sie legt ihre Brille ab und löst die Haarspange. Dann fährt sie sich wohlig durch die Haare zum “Lüften”. – ein angenehmer, weil so ganz normaler Anblick-Sie bekommt die Nachtwindel und geht dann meistens sehr freudig in ihr Bett, zieht sich ihre Bettdecke selbständig zurecht und kuschelt sich ein- Fortschritt-

Meistens singen wir dann noch ein Lied oder üben noch einige Dinge des Tages, oder kuscheln einfach nur. Das Ausschalten des Lichtes kommentiert Silvia mit “DUNKEL”, danach überlassen wir Silvia das erste Mal seit dem Aufstehen sich selbst.
Damit geht dieser Tag für Silvia zu Ende, wir schauen noch mal rein, bevor wir ins Bett gehen.

Silvias Tagesablauf hat sich natürlich seit den letzten Aufzeichnungen sehr verändert. Im Prinzip lebt aber die Assistentin den Tag mit Silvia und versucht sich, jeden Tag aufs neue, auf Silvias Belange und Wünsche einzustellen.

Unser Hauptziel ist nach wie vor Silvias Selbständigkeit, soweit es eben möglich ist.

_____________________________________________________________________________

Die damals notierten Erlebnisse mit Silvia seit ihrer Entlassung aus der Klinik lasse ich einfach weiter so unkommentiert stehen. Die Aufzeichnungen spiegeln auch hier ziemlich exakt unsere damaligen Gedanken und Gefühle wieder.

Auch heute herrscht noch so manchen Tag ein ziemliches Gefühlschaos, aber der zeitliche Abstand zum Unfall und auch unsere eigene Entwicklung lassen heute vieles in einem anderen Licht erscheinen. Auch die Priorität der Probleme im Zusammenleben mit Silvia hat sich sehr verändert.

Bei Bedarf gibt es auch sicher darüber einiges Bemerkenswertes zu berichten.

Jutta Beiersdorf, 24.01.2012

______________________________________________________________________________

Ostern 2005 in Thale

Ostern 2005 in Thale, im Gepäck Spezialbettwäsche, Windeln, künstliche Nahrung

17.04.05, Sind im Sharan mit Silvia, Wolfgang und Anita nach Leipzig- Abtnaundorf zur Quadrillen- Meisterschaft gefahren. Ulla hatte uns eingeladen, bei dem Spektakel zu zu sehen. Auf dem Reiterhof hatte ja Silvia von Juni 2001 – Juni 2003 gewohnt. Sie hat aber trotz aller Bemühungen nichts erkannt bzw. irgend eine Regung in dieser Hinsicht gezeigt.

Reiterhof Abtnaundorf 2005

Unter diesen Umständen war es aber trotzdem schön, wir sind bescheidener geworden.

 

30.04.05,In Vorbereitung von Lothars Geburtstag haben wir Denise`Mutti und Bruder zu uns eingeladen. Wir sitzen lange auf der Terrasse, es gefällt ihr gut. Sie fragt mich , wie wir das mit Silvia aushalten- ich sage wie immer- gar nicht.Silvia liegt auf der Liege auf der Terrasse und bekommt zwischendurch über die PEG ihr Essen.

Mai 2005

07.05.05 Lothars 50. Geburtstag ,Morgens gehe ich zum Friseur und lasse den Sharan bei Wolle T. wegen der Firmenwerbung. Komme dann mit den beiden zurück und wir klingeln Lothar raus, um ihm die Überraschung zu zeigen. Er freut sich sehr. Mittags kommt Anne und nimmt Silvia, wir bummeln rum und laden dann Roland und Eva und die Eltern zum Kaffee ein. 17 Uhr kommt Anke und löst Anne ab. Wir gehen dann in die Weintraube und ich versuche, nicht zu traurig zu sein.Die Feier wird ausgesprochen schön, obwohl Lothar am Anfang von Silvia und Kai spricht. Es gibt viele liebe Worte und Beiträge für Lothar und das tut uns so gut. So glücklich waren wir lange nicht.

22.05.05, erster Unfalljahrestag,Was denkt man an so einem Tag. Wir hatten für Nachmittag eine kleine Runde eingeladen, da wir auch gleich unsere Vertretung für London besprechen wollten. Zuvor haben wir das Video von Silvia gezeigt, wo sie so gelacht hat. Es waren Thomas, Meggy, Ulla, Micha, David und Denise da. Ich habe allen im verschlossenen Umschlag das Bild von Silvia gegeben, wo sie 2x zu sehen ist, vor und nach dem Unfall.
Trotz allem war es eine gute und vor allem würdige Runde. Mit viel Aufwand haben wir Silvias Betreuung anlässlich unserer Londonreise besprochen und festgelegt.

Spreewald 2005

Juli 2005 Urlaub im Spreewald

Silvia ißt seit ca. 1 Monat wieder, wir haben die Magensonde nur noch zur Sicherheit drin.

27.12.05 Urlaub in Friedrichskoog, Nach diesem elenden Weihnachten wollten wir nur noch weg. Wir wussten nicht, wie wir auf unser geliebtes Ferienhaus reagieren und als wir am späten Nachmittag ankamen, sind natürlich erst mal viele Tränen geflossen. Friedrichskoog war immer ein Ort des Glücks und nun waren wir trotz unseres Unglückes wieder hierher gefahren. Ein Fehler?

24.03.06, Silvia beim Friseur,Wir holen Silvia bei Micha ab und sehen so zum ersten Mal sein Zimmer, in dem Silvia 3 lange Jahre  Mitte der neunziger Jahre faktisch zu Hause war.(meines Wissens ist sie mit Micha von 1994-1997 gegangen).
Sehr eigenartig, das Zimmer erinnert an einen ganz jungen Mann. Mittlerweile ist Micha ausgezogen, nach DD Pieschen auf die Mohnstraße. Nebenan hat Silvia vor ihrem Unfall gewohnt. Er hat nun endlich wieder eine Liebe gefunden, was mich sehr freut und schmerzt.Beim Friseur war es gut, Frau Seipold hat gewisse Kräfte!

22.05.06, 2. Unfalljahrestag,Im Gegensatz zu vorigem Jahr hatten wir gar nichts gemacht. Ulla war zu dieser Zeit grad zur Kur in Kreischa und sie sagte, es geht ihr dort schon die ganze Zeit schlecht. Durch die Abgeschiedenheit war für sie der Tag noch schlimmer als für uns. Da ich sowieso nicht zu Jubiläen neige, sollten wir uns für 2007 vielleicht eine schöne Veranstaltung gerade an diesem Tag vornehmen, die uns zwar erinnert, aber nicht den Tag in Trauer erstarren lässt.Das Grauen, als die Polizei nachts um drei bei uns geklingelt und gerufen hat: „Hallo, kennen Sie eine Silvia Beiersdorf, sie ist mit dem Auto schwer verunglückt und liegt auf der Intensivstation der MEDAK. Sie brauchen aber nicht hinzufahren, es sieht nicht gut aus und besteht wenig Hoffnung.“ ist auch so immer gegenwärtig.

11.06.06,Wir haben uns Samstag  Abend bei Katrin kurz entschlossen, Silvia am Sonntag selber zu betreuen. Gehen die Sache auch tapfer an, nehmen uns Alltag und etwas Arbeit vor. Verschließen auch das Tor zur Straße, damit Silvia sich ungehindert im Grundstück und Haus bewegen kann. Wunschtraum!!!!
Sie zeigt kaum bzw. keinen Antrieb ,meine Stimmung hält so recht und schlecht bis Nachmittag durch und sackt gegen Abend ins Bodenlose ab. Furchtbarer Spaziergang , Lothar ist genauso hilflos wie ich. Wir finden einfach keinen Sinn im Leben.Nehme 1 Schlaftablette und gehe ins Bett

28.06.06, Rückfahrt von einem Kurzurlaub aus Budapest. Wir kommen voller Elan und mit relativ freiem Kopf abends 20 Uhr zu Hause an. Bin auch tapfer und rufe gleich Katrin an. Keine Katastrophenmeldungen!! Aber auch nichts besonders positives- na ja. Silvia eben wie immer- für die Ewigkeit??, Organisatorisch hat alles hervorragend geklappt- Einzelheiten wollen wir am Sonntag besprechen. Micha ruft an und bietet seine Dienste für Samstag an- Glück- Thomas grillt bei Freunden- auch Glück- Notiere mir für die nächsten Tage die wichtigsten Aufgaben wegen Silvia- bin voller Tatendrang- Kämpfe allerdings die erste Nacht zu Hause wieder mit meinem altbekannten Alptraum- Silvia wäre wieder ansprechbar. Versuche, die Realität nach dem Aufwachen mal klar zu formulieren- gelingt mir aber wieder nicht- also greife ich zum Buch und lese meinen Krimi weiter, bis ich müde genug bin. Das wiederholt sich in dieser Nacht noch 2 mal, dann ist es Morgen.Heute abend sehe ich sie dann wieder.

Sommer 2006

Gestern abend das Wiedersehen war extrem anstrengend. Ich war ungewöhnlich stark aufgeregt und fühlte mich, als Katrin dann kam, sehr unbeholfen meiner eigenen Tochter gegenüber. Wie befürchtet, kam von ihr keinerlei überraschende Reaktion, sie war nicht schlechter, aber auch nicht besser drauf als sonst. Ich denke, dieses Hoffen ist extrem kräftezehrend. War auch nach einer halben Stunde wieder total erschöpft, habe dann mein Buch genommen, mich neben Silvia auf die Bank gesetzt und habe gelesen.
Lothar hat dann das Abendritual gemacht, ich hab ne Schlaftablette genommen und bin ins Bett gegangen.

01.07.06,Samstag abend waren wir bei Wolfgang und Anita eingeladen.
Lothar hat sich sehr schlecht gefühlt. Kurz, bevor wir zu Hause los sind, hatte er unvermutet auf Thomas alten Handy eine SMS von Silvia geöffnet, die sie kurz vor dem Unfall am 19.05.2004 an Thomas zum Geburtstag gesendet hat. Er kam völlig aufgelöst die Treppe runter. Sein größtes Problem war, dass er in dem Moment, wo er die sms gelesen hat, sich überdeutlich an die alte Silvia erinnert hat. Der Stil der Nachricht  entspricht auch ihrem früheren Bild.
„ 19.05.2004, 8,13 Uhr – Guten Morgen, Bruderherz, ich wünsche Dir alles Liebe & Gute zum Geburtstag….. Viel Spaß bei der Arbeit….. Viel Freude mit uns & Meggy…. Ich melde mich nach der Arbeit noch mal….Schönen Tag für Dich…. „Ich habe versucht, ihn zu trösten.

10.08.06,Sitze im Büro, bin von gestern abend noch müde. Waren bei Dieter und Ulrike, war wieder sehr schön. Mussten dann leider heim, weil Katrin nicht genau wusste, ob alles zugeschlossen war und sie aber draußen stand. Bei der Gelegenheit ist uns die Idee gekommen, lustige Begebenheiten aus unserem neuen Leben zu notieren und diese evtl. zu Papier zu bringen- als Buch oder so. Der Mann von Ulrikes Cousine hat da wohl ein großes Talent. Wenn es klappt, werden wir uns am 04.09.06 bei ihnen treffen. Hier schon mal ne Kostprobe: sms von katrin am 09.08.06, 22,52 uhr.“ Mist, ich habe mehr als üblich abgeschlossen, aber oben vielleicht vergessen. Nun liegt der Schlüssel drin und ich stehe draußen. Lasst Euch Zeit, ich wache. Katrin

Mueritz 2006

Ende August 2006 – Urlaub an der Müritz

Rückfahrt in 3 Stunden, klappt gut, großes Herzklopfen, als wir zu Hause ankommen. Meggy und Thomas schlafen ganz fest, wir essen erst mal Mittag und packen aus, dann reden wir lange mit den beiden Kindern.
Holen abends Silvia – wieder mit viel Aufregung- von Katrin ab. Unser Gespräch mit ihr ist wie immer inhaltsreich und sehr angenehm. Silvia macht auf uns auch einen guten Eindruck, leider zeigt sie bei unserem Erscheinen keine deutlichen Reaktionen. Immer wieder tut dabei das Herz so weh, als ob es nie besser würde.

Wir haben Silvia den ganzen Tag. Morgens haben wir auf der Terrasse viel Spaß und Silvia sieht wunderbar aus. Ich fotografiere sie viel und erfreue mich an ihrem lebendigen und ausdrucksstarken Gesicht. Wir verzetteln uns und bummeln so dahin. Nachmittags kommen die Eltern und Traudel zum Kaffee und die Kinder auch mit. Wir telefonieren auch viel. Ich habe mit Ulla 1 Stunde gesprochen und bin wieder von ihr beeindruckt. Sie hat diese Aggression von Silvia sehr klar erlebt und versucht, positiv zu verarbeiten. Wir versprechen uns wieder, den Kontakt nicht abzubrechen und irgendwann alle zusammenzuziehen. Jaja..

September 2006

05.09.06 – mein letzter Urlaubstag

Anne ist da und wir reden sehr viel. Ich gehe zwar zunächst ins Büro und beginne, zu arbeiten, aber die Sehnsucht nach den 2 Mädchen ist größer. Ich sehe immer nach ihnen und erfreue mich an der frischen Art von Anne. Sie kitzelt Silvia am Körper und Silvia lacht, lacht und kommt zu mir, legt den Kopf auf meine Schulter und ist froh… Dann oben am Schreibtisch sitzt sie lange auf meinem Schoß und ist mir so nah, dass es schon wieder so furchtbar weh tut und so schön ist und ich anfange, zu träumen …. . Einmal sagt sie sogar von sich aus- MUTTI und ich falle fast um.

Will ursprünglich abends zum Yoga gehen und kann mich nicht entschließen. Warte dann auf Anne und Silvia und Lothar und wir verbringen noch einen langen Abend miteinander auf dem Balkon.

November 2006

12.11.2006, mein 50. Geburtstag. Wir machen uns schön und gehen zum Frühstück mit Sekt. Danach wandern wir auf die Ostrauer Scheibe, ich telefoniere schon öfter, bin auch aufgeregt.
Gegen halb vier sind wir dann zu Hause, die Kinder haben den Kaffeetisch gedeckt, Meggy und Denise haben Kuchen gebacken, ich freue mich. Das Kaffeetrinken wird schön – die Eltern, Traudel, Thomas, Meggy, David, Denise, Renate, Frank, Wolfgang und Anita-
Gegen 18 Uhr kommt dann Silvia, Katrin hat ihr einen kleinen Blumenstrauß in die Hand gegeben- ich freue mich und weine nicht!!
Die vielen Telefonate sind wohltuend, später sitzen wir mit Silvia, Thomas und Meggy noch beisammen.Ich habe einfach versucht, die Situation so anzunehmen, wie sie ist und nicht zu jammern. Es hat schon einigermaßen geklappt.

12.12.06, Diese verfluchte Erschöpfung lähmt mich wieder, aber aus leidvoller Erfahrung der letzten 2,5 Jahre sagen wir den Besuch von Dieter und Ulrike nicht ab. Gut gemacht, es wurde ein schöner, lustiger und offener Abend. Kraftquelle.

Weihnachten 2006

24.12.06,Nach dem schrecklichen Weihnachten 2005 haben wir große Angst vor diesem Jahr. Anne geht halb drei los und dann haben wir Silvia bis zum 2. Feiertag planmäßig alleine.
Ich gebe mir viel Mühe mit dem Tisch decken. Wir sind 10 Leute:, die Eltern, Traudel, Lothar, Silvia, Thomas, Meggy, Davis, Denise und ich. Nach einem bedächtigen Anfang wird es mit der Zeit recht gemütlich, aber nie unkompliziert. Meggy und dann Thomas gehen für 1-2 Stunden in die Kirche und sind erst gegen 23 Uhr wieder da. Inzwischen geht es uns aber auch gut, sogar Silvia fühlt sich sichtlich wohl, nimmt sogar später die Beine ganz ungezwungen, fast so wie früher, aufs Sofa hoch. Seitlich, wohlgemerkt, und nicht so krankhaft angezogen wie noch vor 2 Jahren.Nach Mitternacht löst sich alles auf.

Weihnachten 2006

26.12.06, mit Silvia in Bad Schandau,haben 1 Nacht im Hotel geschlafenWir waren beide vor dem Frühstück im Frühstücksraum des Hotels aufgeregt wie vor einer Prüfung, was es ja auch war. Die erste Panik setzte bei mir ein, als wir in den Raum kommen, der voller Leute ist, alle zu uns sehen und der freie Tisch, den wir ansteuern, kurz vor uns besetzt wird. Lothar behält zum Glück die (äußerliche) Ruhe und so finden wir noch einen freien Tisch. Silvia setzt sich hin und wir atmen erst mal durch. Dann hole ich für sie Müsli und Joghurt, welches sie auch prima isst, ohne allzu sehr aufzufallen. Aber die Leute an den Nebentischen gucken natürlich schon.
Dann geht alles seinen Gang, trotzdem erschüttert mich am Nebentisch das Bild von Mutter und Tochter, die sich sehr ähnlich sehen und sich wunderbar miteinander unterhalten. Welch ein Luxus.

13.01.07, Silvia war einige Tage in den Ferien. Meine Ängste wegen dem Wiedersehen haben sich leider mehr als bewahrheitet. Über Silvia schreiben und nachdenken ist etwas ganz anderes, als ihr dann wieder gegenüber zu stehen. Diese übergroße Sehnsucht, die ins Leere läuft. Heute ist der ganze Tag rabenschwarz, auch Thomas und Meggy , die gerade da waren, können daran nichts ändern. Lothar sagt, ich würde allen entgleiten und er kann dagegen nichts tun.
Zum ersten Mal habe ich heute ernsthaft daran gedacht, Silvia weg zu geben, für sie eine Art Wohngemeinschaft zu schaffen mit ähnlich behinderten Menschen. Ich kann mich einfach mit unserem furchtbaren Schicksal nicht abfinden geschweige denn, anfreunden und laufe Gefahr, Lothar und unsere anderen Lieben zu verprellen. Was soll ich nur tun.

Das Leben geht weiter

Lukas Januar 2007

Am 29.01.07 wird unser erster Enkelsohn ,Lukas Aurelius, geboren, welch ein großes Glück. Auch das entsprechende Kalenderblatt von Silvias Tag berichtet nur Gutes.

Welch Übereinstimmung!? Zufall?

Im Jahre 2007 beziehen sich die meisten Einträge im Tagebuch auf Formalitäten in Silvias Betreuung und die Suche nach neuen Therapien. Es ist ermüdend und sicher langweilig, den ganzen Prozeß des Zusammenlebens immer und immer wieder zu lesen.Finden wir uns nun ab, akzeptieren wir Silvias Zustand,bedeutet dies, dass wir die Hoffnung aufgeben.

4 Generationen

 

 

 

 

Ich schließe diese Seite mit einem Zitat unseres Neuropsychologen vom Herbst 2006:Er sagt, unsere Situation wäre schizophren bzw. wir erleben diese so, also zweigeteilt, wenn ich das mal interpretieren soll. Er meint, durch Silvias „Fortschritte“ jetzt im Morgenritual wird erst richtig deutlich, wass sie alles nicht kann und wahrscheinlich nie mehr können wird. Deshalb gänge es vor allem mir so schlecht. Die Trauer ist also noch lange nicht bewältigt.

August 2007

Nehmen wir Silvia zur diamantenen Hochzeit meiner Eltern mit, halten wir das aus?
Silvia war mit dabei, es war sogar schön.
Unser Dank an die ganze Familie.

One Response to Zu Hause

  1. ulrich dreßler says:

    guten tag frau beiersdorf,

    habe großem interesse die berichte über silvia gelesen und ich möchte mich über das arbeitgebermodell bzw p. budget informieren, geben sie mir bitte einen termin.

    ich würde auch mit dem auto kommen können.

    vielen dank !
    mit freundlichem gruß

    ulrich dreßler
    charlottenstraße 32
    01099 dresden

    0176 21810571
    0351 3744221

Hinterlasse einen Kommentar zu ulrich dreßler Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>